Interview: Lina | RapSpot.de

Unsere Interviewreihe geht ja erst richtig los, und natürlich wollen wir nicht immer nur die Rapper zu Wort kommen lassen. Heute unterhalten wir uns mit Lina Burghausen, der Chefredakteurin des Online-Magazins „RapSpot“.

kR: Heute habe ich ja erstmals keinen „Artist“ zum Interview, sondern eine Supporterin. Lina, stell dich doch am besten mal vor.

Lina: Sehr gerne. Ich bin die Lina, 22 Jahre jung und Chefredakteurin von RapSpot.de, einem kleinen Online-Magazin über meine große Liebe – Hip Hop.

kR: Ich freue mich immer, wenn ich Frauen treffe, die Hip Hop lieben. Ich habe immer das Gefühl, dass wir Männer total überrepräsentiert sind. Wie kam es bei dir dazu?

Lina: Oh je, ich habe befürchtet, dass diese Frage kommt, und ich kann dir ehrlich gar nicht genau sagen, wie ich zu Hip Hop kam. Irgendwie war das immer da, neben anderer Popmusik. Da gab es Run DMC. Jay-Z mit „Hard knock life“. Das mochte ich schon als Grundschülerin. Dann kamen Deichkind, Samy Deluxe… mein Musikgeschmack hat sich nach und nach in diese Richtung entwickelt, ohne dass ich in meinem Bekanntenkreis jetzt jemanden gehabt hätte, der mich in die Richtung gepusht hätte oder überhaupt Rap gehört hat. Ich habe angefangen, mein ganzes Taschengeld in Musik zu stecken, hab ohne meinen CD-Player (mit unglaublichen 30 Sekunden Anti-Schock) nicht mehr das Haus verlassen. Und es gab einfach immer wieder Momente, in denen ich ein Lied entdeckt habe, und gemerkt habe – ja, das ist es, das ist dein Ding.

kR: Ja, das ist ein schleichender Prozess, irgendwann ist der Virus drin. Der Virus, selber Musik zu machen hat dich aber scheinbar nicht infiziert.

Lina: Naja, in gewisser Weise schon. Ich komme ja aus einer Musikerfamilie und wurde entsprechend ab meinem fünften Lebensjahr in die Musikschule gesteckt. Ich hatte Klavier-, Cello- und klassischen Gesangsunterricht und habe mich mit allem ziemlich schwer getan. Seit ich zwölf war schreib ich Songtexte, und da hab ich auch einige Jahr Raptexte geschrieben – ziemlich pubertären Kram, den ich weiß Gott niemandem zeigen möchte. Aber für mich war das – wie für viele andere Musiker – damals eine Art Selbsttherapie, eine Möglichkeit, vor allem negative Erlebnisse zu verarbeiten. Heute schreibe ich nach wie vor Songs, ich bezeichne sie aber liebevoll als „Popscheiße“, mit Hip Hop haben sie nichts zu tun. Ich bringe mir jetzt seit ein paar Jahren das Gitarrespielen bei und bin auch da ziemlich miserabel – das aktive Musizieren ist also eher eine Sache für mich. Also für das stille Kämmerlein.

kR: Bei mir hat’s unfreiwillig mit Blockflöte angefangen. (lacht) Lange her. Du bist scheinbar allgemein sehr kreativ, denn irgendwann hast du ja dann angefangen, für RapSpot zu schreiben. Erzähl mal.

Lina: Auch das war eigentlich eher ein schleichender Prozess. In der Wissenschaft nennt man sowas wie mich einen „Digital Native“, also jemand, der von vorn herein mit Onlinemedien aufwächst. Da ich in meinem Freundeskreis niemanden hatte, mit dem ich mich über Hip Hop unterhalten konnte, war ich schon mit 12, 13 Jahren in Foren aktiv. Ich hatte sogar mein eigenes Forum, war da also ein echter kleiner Crack. Irgendwann schrieb mich dann dieser Typ an, Tobias, dem RapSpot gehört. Ich solle mich doch da in seinem Forum anmelden. Das muss ungefähr 2006 gewesen sein. Ich hatte überhaupt keine Lust auf noch ein Forum und wir haben bestimmt zwei Stunden über ICQ diskutiert. Das Ende vom Lied war natürlich, dass ich mich trotzdem angemeldet habe. Und auch wie blöd gepostet habe. Das brachte mir recht schnell den Status einer Forenmoderatorin ein – Verdammt war ich wichtig. (lacht) Nach und nach hat sich RapSpot zu dem entwickelt, was es heute ist – ein Magazin. Wir haben die ersten News und Rezensionen geschrieben, die ersten Interviews gemacht. Ich hatte aber eher einen passiven Teil. 2008 bin ich dann spontan für zwei Redakteure eingesprungen und auf’s Splash! Festival gefahren. Dort musste ich meine ersten Videointerviews machen, an die ich mich heute echt mit einem Schmunzeln zurückerinnere. Das war der Zeitpunkt, ab dem ich der Sache wirklich mehr Zeit gewidmet habe. Im Herbst 2008 haben wir dann einen Chefredakteur für das Team gesucht, weil die redaktionellen Aufgaben Überhand genommen haben. Die Aufgabe ging an mich. Und ich bin immernoch verdammt froh drüber.

kR: Überrascht hat mich, dass du – obwohl RapSpot sich ja auch mit sehr kommerziellen Künstlern beschäftigt – viele vergleichsweise unbekannte Künstler unterstützt, wie zum Beispiel Ket und Albino. Findest du es wichtig für das Magazin, alle Facetten der Szene abzudecken?

Lina: Ich würde sogar sagen, dass diese Künstler für uns die relevanteren sind. Interviews mit wirklich kommerziellen Künstler sind bei uns ja eher eine Seltenheit. Ich persönlich hätte auch nichts dagegen, unserer Künstler nur noch nach qualitativen Kriterien auszuwählen. Wir selbst sind ja auch unkommerziell, RapSpot ist ein reines Hobbyprojekt – von daher müssen wir auch nicht unbedingt Klickzahlen in der und der Höhe erreichen. Aber auch die kommerziellen Künstler gehören eben mit zur Rapszene, und auch dort gibt es ja verdammt gute Acts. Von daher sind wir da breit aufgestellt. Trotzdem: Mein Ziel mit RapSpot ist es, gute Musiker zu supporten. Ihnen eine Plattform zu geben. Zum Beispiel zuletzt das Interview mit Kendall Elijah aus Maryland: Den kennt hierzulande kein Mensch, aber ich habe seine Musik gehört und war so geflasht, dass ich ihn einfach interviewen musste. Und wenn ich dann Feedback bekomme a la „Wow, den kannte ich noch nicht, aber der ist echt dope – danke, dass du mir den gezeigt hast“ ist das Belohnung genug.

kR: Den muss ich mir gleich mal anhören. Hast du einen großen Traum, wen du gerne mal interviewen würdest?

Lina: Talib Kweli. Masta Ace. Mos Def. Das sind die, die mir zuerst einfallen. Natürlich sind das größtenteils meine Lieblingsrapper. Mit Talib war auch schon ein Online-Interview möglich, aber das ist natürlich nicht das selbe wie wenn man mit dem Artist vor einer Kamera sitzt. Auch wenn ich ein bisschen Angst habe, dann kein Wort rauszubekommen. Und natürlich würde ich mir nochmal eine richtig große Nummer wünschen – ein Jay-Z, der ja doch eine nicht ganz unrelevante Rolle auf meinem Weg zur Rapmusik gespielt hat, zum Beispiel.

kR: Ich durfte mich schon mit Masta Ace unterhalten, unbeschreibliches Gefühl. Was fasziniert dich an Jay-Z besonders?

Lina: Ja, ich saß mit Ace auch schon im Tourbus und musste ihm und seinen eMC-Kollegen und Marco Polo erklären, was das Völkerschlachtdenkmal ist („Is Napoleon buried on top of it?“). Aber ein Interview ist immer noch etwas anderes. Was Jay-Z betrifft: Er ist einfach ein Profi. Er schafft, es kommerzielle Musik zu machen und dennoch irgendwie immer authentisch zu bleiben und seine Streetkredibilität nicht zu verspielen. Ich glaube, Jay-Z ist so ziemlich unhatebar.

kR: Ich mag das aktuelle Album mit Kanye gar nicht, der Sound ist viel zu austauschbar für mich. Aber wir wollen ja nicht haten, deshalb wieder zu dir und gerade diesem Konflikt. Wenn man in einer Redaktion miteinander arbeitet, kommen natürlich viele Geschmäcker zusammen. Ist das manchmal schwer für dich, Beiträge durchgehen zu lassen über Künstler, die du persönlich gar nicht magst?

Lina: Ich kann schon nachvollziehen, dass man „Watch the throne“ nicht mag – auch wenn ich finde, dass Jiggas Anteil da im Vergleich zu Kanye verhältnismäßig klein ist. Austauschbar find ich das aber nicht – nur eben ziemlich flach. Aber zu deiner Frage: Nein, eigentlich hatte ich damit keine Probleme. Wir hatten nur des Öfteren mal Diskussionen bezüglich der Frage, wen wir interviewen. Künstler wie Massiv oder Fler habe ich da immer ziemlich verweigert. Mittlerweile habe ich aber gemerkt, dass man mit den richtigen Fragen mit solchen Künstlern echt interessante Interviews zustande bringt. Man darf da ja durchaus kritische Fragen stellen. Dazu kommt, dass RapSpot eben ein Hobbyprojekt ist, sprich alle meine Redakteure ihre Freizeit dafür opfern, Beiträge zu schreiben. Da sollen sie auch über das schreiben können, was sie interessiert. Allerdings sind wir eigentlich musikalisch im Großen und Ganzen auf einer Wellenlänge – es gibt da keinen im Team, wo ich sage „Oh Gott, der hat ja einen furchtbaren Musikgeschmack“. Ich kann bei allen nachvollziehen, warum sie das und das feiern. Ich denke, das ist eine ganz gute Basis für die Zusammenarbeit.

kR: Gibt es Künstler, wo du eine „Null-Toleranz-Grenze“ hast?

Lina: Persönlich oder für RapSpot?

kR: Hm. Sowohl als auch?

Lina: Persönlich ist die Liste natürlich um einiges länger. Ich finde zum Beispiel einen Kollegah ganz furchtbar, weiß aber, dass es sicher den ein oder anderen Leser bei uns gibt, der sich für ihn interessiert. Ein Interview würde ich also durchaus mit ihm machen. Auf RapSpot gehören dagegen einfach keine Trash-Sachen. Ein Moneyboy zum Beispiel. Auch musikalische Geschichten die irgendwie in Richtung Atzen gehen, blocke ich eigentlich immer ab. Und schlecht gemachter deutscher Gangsterrap – da gibt es ja eine ganze Reihe Künstler, die mich immer wieder anschreiben. Was in derem Ghetto – oder Offenbacher Vorort – passiert, interessiert unsere Leser einfach nicht. Ausnahmen bestätigen natürlich auch hier die Regel. Wenn es also einen Redakteur gibt, der die richtigen Fragen dazu stellt, dann bin ich da auch offen. Ich passe aber immer auf, dass solche Geschichten thematisch nicht die Überhand nehmen.

kR: Hast du schon Erfahrungen gemacht mit Künstlern, die du selber nicht magst, die dich überrascht haben?

Lina: Witzigerweise hat mich beispielsweise Kitty Kat echt positiv überrascht. Musikalisch halte ich von ihr nicht viel, aber sie war eine unglaublich höfliche und aufgeschlossene Interviewpartnerin. Auf eine völlig andere Weise überrascht hat mich zum Beispiel Nneka. Sie mag ich ja musikalisch recht gerne, habe sie in anderen Interviews aber immer als sehr kühl und desinteressiert empfunden. Im Interview mit mir hat sich dieser Eindruck überhaupt nicht bestätigt. Sie hat mich echt beeindruckt: Sie ist so eine kleine, zierliche Person und hat echt krasse, intelligente, philosophische Sachen rausgehauen, die mich zum Teil sogar echt aus dem Konzept gebracht haben, weil sie so deep waren. Damit hätte ich bei einer Sängerin – selbst bei einer Nneka, die ja doch recht reflektive Musik macht – nicht gerechnet.

kR: Apropos deep. Wie wichtig sind tiefsinnige Texte für dich? Ich höre oft, dass Rap ja in erster Linie Unterhaltung ist und damit eigentlich alles erlaubt ist.

Lina: Für mich sind Texte das A und O. Darum geht es im Rap – um die Aussage. Das heißt nicht, dass ein Text nicht auch mal flach sein darf. Dann kommt es für mich aber auf Originellität an. Persönlich höre ich aber fast nur deepe Sachen. Für mich sind Menschen, die so mit Worten spielen können wie ein Wordsworth oder ein Common oder in Deutschland Amewu oder Donato die echten Künstler.

kR: Tut es dir weh, dass solche Künstler im Vergleich zu (beispielsweise) Haftbefehl so wenig Resonanz bekommen?

Lina: Hmmm, das ist schwer zu sagen. Ich finde es schade, ja. Andererseits bin ich wahrscheinlich zu sehr Wirtschaftsstudentin, um die auf der Hand liegenden Gründe zu ignorieren: Es war schon immer so, dass sich leichte, oberflächliche Kunst besser verkauft hat. Musik ist für die meisten Menschen nicht das selbe wie für mich. Ich konsumiere Musik sehr bewusst und habe einen hohen Anspruch daran. Den Meisten geht es dagegen primär um Unterhaltung. Sie hören Musik in Clubs oder im Auto und wollen da nicht mit ernsten Themen konfrontiert werden, um die sie sich vielleicht generell noch nie Gedanken gemacht haben. Für solche Menschen sind Künstler wie Amewu einfach nichts. Von daher wird anspruchsvolle Musik wohl immer ein Nischenprodukt bleiben. Das heißt aber nicht, dass man solche Musiker nicht supporten und ihnen Aufmerksamkeit verschaffen kann. Dafür sind Plattformen wie RapSpot ja da. Und dass das durchaus Erfolg haben kann, sieht man am Beispiel von Amewu momentan ja ganz gut. Ich habe zumindest das Gefühl, dass er gerade verdammt gute Resonanz bekommt. Ein ausverkauftes Lido ist doch ein ziemlicher Erfolg für einen „Nischenkünstler“.

kR: Was planst du, wo das Hip Hop Ding dich noch hinführt?

Lina: Naja, man kann sowas ja nur bedingt planen. Ich würde mir aber schon wünschen, dass Hip Hop weiterhin ein wichtiger Bestandteil meines (auch beruflichen) Lebens bleibt. Ich schreibe ja momentan meine Bachelorarbeit über die Vermarktung eines gewissen Rappers mit Pandamaske und würde mir wünschen, diese Forschungsarbeit irgendwann beruflich auch umsetzen zu können, vielleicht auch für unbekanntere Künstler. Ein paar Sachen habe ich in der Richtung in der Vergangenheit auch schon gemacht. Ansonsten möchte ich weiterhin einfach verdammt gute Musik hören, mit interessanten Menschen Gespräche führen und das, was ich tue, lieben. Ich denke das ist realisierbar. (lacht)

kR: Ist die Pandamaske wirklich dazu da, die Identität zu wahren? Oder doch nur ein Mittel, um künstlich Spannung aufzubauen?

Lina: Das musst du wahrscheinlich das Chimperator-Management fragen. Ich tippe auf beides und denke auch, dass es sich nicht unbedingt ausschließt. Es ist natürlich auch ein Markenzeichen, das darf man nicht vergessen. Das, was bei Flavour Flav die Uhr ist, ist bei Cro eben die Pandamaske.

kR: Ich denke ich bleibe bei Sound als Markenzeichen. Was ist dein Markenzeichen?

Lina: Für die meisten wahrscheinlich mein Sprachfehler. (lacht) Ich weiß nicht, können Journalisten ein Markenzeichen haben? Ein Kollege von einem anderen Magazin sagte mir mal, ich sei viel zu nett und höflich zu Rappern, das hätte schon was Groupiemäßiges. Ich bin der Meinung, dass Respekt und das ein oder andere nette Wort nichts mit Groupiesein zu tun hat. Ich bin zu allen Menschen grundsätzlich nett und höflich, warum soll ich mich einem Rapper gegenüber dann anders verhalten? Das heißt ja nicht, dass ich keine kritischen Fragen stelle. Vielleicht ist diese (offenbar) überdurchschnittliche Loyalität mein Markenzeichen.

kR: Nett und höflich zu sein ist doch die Grundvoraussetzung für ein gutes Gespräch. Hast du noch ein nettes, höfliches Schlusswort für uns?

Lina: Natürlich. Ich danke dir für die interessanten Fragen und für das Interesse. Es ist mir immer eine riesige Freude, auf Menschen zu treffen, denen an guter Musik genauso viel liegt wie mir. Wer sich ein Bild von dem, was ich so tue, machen möchte, sollte mal bei www.rapspot.de vorbeischauen oder unserer Facebook-Fanpage ein Like spendieren. Vielen Dank für die Unterstützung. Hip Hop lives!

kR: Word.

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2 Gedanken zu „Interview: Lina | RapSpot.de

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