Interview: Ket | Traverser la rue

kR: Moin Ket! Fang doch am besten mit einer kleinen Vorstellung an.

Ket : Okay, also ich bin Ket, komme aus Leipzig, habe vor ca. 12-13 Jahren angefangen, Raptexte zu schreiben, bin seit einigen Jahren bei dem kleinen Leipziger Label Spitainment und habe dort am 31.3. mein erstes Album „Traverser la rue“ rausgebracht.

kR: Gute weibliche MCs sind selten. Woran liegt es deiner Meinung nach, dass hier Männer mehr im Fokus stehen?

Ket: Oh Gott, diese Frage… Ich hab keine Ahnung. Es gibt halt einfach mehr Männer, sicherlich, weil sie damit angefangen haben und es schon lange als „Männerdomäne“ galt. Aber ich meine… in vielen anderen „Berufen“ oder Bereichen sieht es ja genauso aus. Frag mich nicht warum, mir ist eigentlich vollkommen egal, ob ein MC männlich oder weiblich ist, für mich zählt Qualität.

kR: Absolut… scheiß auf Klischees! Wie kam es, dass du mit Rap angefangen hast?

Ket: Ich hab damals, als ich so 15 war, angefangen, Rap zu hören. Erstmal natürlich Deutsches, dann bin ich irgendwie auf den Wu-Tang Clan gekommen und war schon immer ein Sammler, sprich: Wenn ich irgendwas gefeiert hab, wollte ich immer alles davon haben. Zu der Zeit gings mir nicht sonderlich gut. Ich hab, seit ich 14 war, Gedichte geschrieben, um sowas zu verarbeiten. Na ja, auf jeden Fall kam ich dann über Wu-Tang Clan auf Sunz of Men und über die auf IAM. Und da hab ich einen Track gehört, der mich so umgehauen hat, der mich so berührt hat und genau das ausgesagt hab, worüber ich auch nachgedacht hab. Und das auf so wunderschöne Art und Weise, dass ich mir dachte: Okay, versuchst du das auch mal, ich will das auch können. Also hab ich angefangen aus den Gedichten Raptexte zu machen, natürlich erstmal nur für mich. Der Track war übrigens „Nés sous la meme étoile“ von IAM.

kR: Kommt durch dieses IAM Erlebnis auch dein französischer Einfluss? Oder hattest du die Affinität schon vorher?

Ket: Ich hab Rap schon vorher gefeiert, aber irgendwie hatte französischer Rap so was ganz besonderes an sich, was mich viel mehr geflasht hat als das meiste deutsche oder amerikanische. Dazu die Stimme von Shurik’N, die wunderschönen Beats. Also hab ich auch da angefangen zu sammeln und ich find die Sprache halt auch so wunderschön, auch für Rap. Die haben einen ganz eigenen Style, einen eigenen Flow, ich mag die bildhafte Sprache. Das hat mich von Anfang an beeindruckt und beeinflusst. Mit IAM fing es an, ging weiter mit Oxmo Puccino, Fonky Family, Psy4 de la rime, allen voran Soprano, Sniper, Arsenik (v.a. Lino!) und weiter bis zu anderen Rappern, die noch nicht so lange im Kreis meiner Helden sind, wie z.B. Youssoupha, REDK und Mino.

kR: Jetzt bist du ja mit deinem ersten eigenen Album rüber gekommen, „Traverser la rue“. Wie fühlt es sich an, das erste eigene Release in der Hand zu halten?

Ket: Total verrückt! Ich meine… selbst ich hab ja eine Zeit lang geglaubt, es wird niemals kommen, aber ich hab grad wieder richtig Hunger gekriegt und es ist schön, dass ich jetzt endlich sagen kann „Ja. Ich hab ein Release“, auch wenns sich immer noch komisch anfühlt. Ich hab sogar bei meiner Releaseparty vergessen zu erwähnen, dass es das dort zu kaufen gibt, weil das so ungewohnt war. In einem Satz: Ich freu mich wie ein kleines Kind!

kR: Kann ich mir gut vorstellen! Du hast angesprochen, dass es etwas länger gedauert hat. Wie lange hast du dran gearbeitet?

Ket: (lacht) Na ja, direkt intensiv dran gearbeitet hab ich ca. ein Jahr. Also der letzte Ruck, der mich angestachelt hat, war voriges Jahr Ende Februar. Allerdings hab ich schon vor 5 Jahren gesagt, irgendwann kommt ein Album und es ist aber nie was passiert, bisher war ein „Ket Album“ immer so eine Art running gag.

kR: Ein Jahr ist ja harmlos… wir hatten Exzem mal zum Interview bei uns, der hat brutto 5 Jahre daran gesessen. Aber bleiben wir bei deinem. Soundtechnisch orientierst du dich eher an den 90ern, Samples dominieren das Soundbild. Nur der Titeltrack klingt elektronisch. Typisch für dich?

Ket: Ich finde, dass auch „Ich lauf und ich lauf“ und „Haltet die Zeit an“ ganz schön rausstechen. Klar, ich bin halt mit dem 90s Boom Bap Rap groß geworden, aber ich hab auch einen breit gefächerten Geschmack. Ich hab auch mal Bock auf was „moderneres“, was vielleicht keiner wirklich erwartet hat. Eigentlich hab ich bis jetzt immer solche traurigen Samplebeats gehabt, aber da ich auf dem Album, eben weils das 1. ist, möglichst viele Seiten zeigen wollte, ist „Traverser la rue“ so ganz anders. Ich meine, ich hab halt wirklich die Straße überquert und so ein Track wäre zum Beispiel 2010 für mich absolut unvorstellbar gewesen. Daher ist das der Titeltrack, ich find er passt halt zum Titel und dazu, wie es mir da gerade ging: Arsch hoch, los geht’s, mutiger sein!

kR: Also bedeutet „Die Straße zu überqueren“ für jeden, Grenzen zu prüfen und auch mal über den eigenen Schatten zu springen?

Ket: Für mich definitiv, also im übertragenen Sinne. Natürlich hat das auch bissl was mit dem „Ey, ich bin Straße“ Ding zu tun, was ich ja mal so gar nicht erfülle. Aber ich glaub, man muss, um den 1. Gedanken zu verstehen, wissen, wie ich immer Straßen überquert hab (also…jetzt wörtlich gemeint). Sowohl zu Fuß als auch beim Autofahren hab ich immer brav auf Grün gewartet… auch wenn die Straße frei war. Ich bin ohne Ampel erst über die Straße, wenn wirklich alles frei war. Immer Nummer sicher. Aber das hat sich halt auch irgendwie geändert. Also ich respektiere aber immer noch Verkehrsregeln. (lacht) Du weißt, was ich meine. Heute gehe ich halt auch mal bei Rot über eine Ampel.

kR: Ein bisschen Rebell steckt in uns allen, denke ich. Du hast eine ziemlich große Straße überquert, bist von Leipzig nach Siegen übergesiedelt. War das sehr schwer für dich?

Ket: Ja, sehr. Das war das Ding: Vernunft gegen Gefühl. Das Herz hat gesagt: „Bleib hier“. Ich hab ja alle meine Freunde und meine Familie in Leipzig, kannte niemanden in Siegen. Aber die Vernunft hat gesagt: „Geh hin“. Weil ich ja irgendwie im Leben voran kommen will. Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch, also hab ichs riskiert. (Ja, auch bis dahin voll untypisch für mich). Und es hat sich sowohl beruflich als auch musikalisch sehr positiv ausgewirkt, alles andere lässt sich dadurch ganz gut kompensieren.

kR: Dein Ehrgeiz zeigt sich auch auf dem Album, du hast lediglich zwei Feature-Parts. Hattest du zu viel zu erzählen?

Ket: (lacht) Ist ja mein erstes Album. Nee, ist ja nich so, dass ich niemanden da drauf haben wollte. Dass Scientist dabei sein muss, war klar, er is ja quasi mein Papa und mit Akino… das passte halt auch gut. Ich glaub, ich musste echt erstmal was eigenes abliefern. Aber keine Angst, ich bin kein Egomane, ich arbeite gerade an vielen, vielen Features.

kR: Gutes Stichwort. Was planst du für die Zukunft?

Ket: Oh, eine größere Wohnung mit separatem Schuhzimmer, einen Doktortitel und eine Familie. (lacht) Nee, Spaß beiseite: Ich arbeite gerade mit vielen Leuten zusammen, mache einige Features für deren Projekte, zum Beispiel für eine Art Produceralbum von Chriss-Slik, der die Hälfte meines Albums produziert hat. Ansonsten arbeite ich halt auch an meinem nächsten Release, was genau das wird und wann es kommt, kann und will ich aber noch nicht sagen. Ansonsten stehen ja noch paar Konzerte an und ich hoffe, es kommen noch ein paar dazu. Ich bleibe in Bewegung, es wird auch noch ein paar franco-allemand Kollabos geben… Lasst euch überraschen, ich will nich zu viel sagen, solange nix 100%ig sicher ist .

kR: Klingt als hättest du noch viel vor! Ein eigenes Schuhzimmer… Du hast ja einen frauen-untypischen Schuhtick, sammelst Sneaker. Wie viele besitzt du?

Ket: (lacht) Ich möchte darauf hinweisen, dass ich fast ausschließlich Sneakers besitze! Ich muss mal wieder nachzählen, aber ich glaub Nummer 70 ist gerade auf dem Weg zu mir…

kR: Jeder hat so seine Schwäche. Noch eine musikalische Frage: Du hast unter anderem ein Video zu „Schnall die Message“ beigetragen, ein Gegenmodell zu „Halt die Fresse“, das von Callya ins Leben gerufen wurde. Braucht vernünftiger Rap wieder mehr Aufmerksamkeit?

Ket: Ja… definitiv! Ich fand die Idee super, dazu schätze ich Callya sehr, sowohl als Künstler als auch als Mensch. Im Moment wird ja überall auf dicke Hose (oder Bluse) gemacht und das hat sicherlich auch seine Berechtigung, aber ich mag halt auch eher Musik, die mir mehr sagen will, als dass sie die beste und härteste ist. Die Entwicklung im Moment zeigt aber, dass auch diese Richtung wieder geschätzt wird, siehe Aphroe, Funkverteidiger, Herr von Grau oder Amewu. Ich mag halt dieses Geprolle nicht so… und freue mich, wenn es auch anderen so geht und sie nicht nur Interesse an möglichst provokativen Texten haben. Es ist definitiv Zeit für mehr Echtheit, mehr Authentizität! Ich bin kein Freund von Images und Masken…

kR: Gutes Statement. Hast du in der Hinsicht Tipps für uns, wen hörst du gerne?

Ket: Aaalso ich feiere zum Beispiel gerade Oddisee sehr! Sein neues Album „People hear what they see“ ist großartig. Ansonsten natürlich das neue OC Album… schon allein wegen der Apollo Brown Beats. Wen ich auch sehr, sehr schätze ist der Kollege 2Seiten, sein Album „Perspektiefen“ ist auf jeden Fall einen Blick wert! Ich höre relativ wenig Deutsches, aber er gehört dazu! Der Mann ist unglaublich! Donato natürlich auch! Sowas will ich hören, und wenn wir nach Frankreich kommen natürlich Lino, Radio Bitume ist super, Youssoupha mit seinem Album „Noir désir“ ist definitiv im Kreis meiner Helden aufgenommen. Dort befinden sich schon Soprano und REDK (das neue Album „E=2MCs“ ist nicht nur inhaltlich sondern vor allem was Flow angeht überragend!) Und natürlich Vincenzo und Alonzo, herzensgute Menschen, das merkt man auch ihrer Musik an. Besonders gespannt bin ich auch auf das neue Release von Mino, das irgendwann kommt, den würde ich sofort heiraten. (Rein professionell versteht sich).

kR: Ja, die Begeisterung für 2Seiten und Donato kann ich nachvollziehen. Genau wie Donato wirkst du in deinen Reimen oft verletzlich. Stärkst du dich selbst mit Rap?

Ket: Oh, danke erstmal für den Vergleich mit Donato, was für eine Ehre. Ja… ich hab aus so einem Grund angefangen zu schreiben. Weil’s halt raus musste und ich bin auch immer besonders produktiv, wenn’s mir richtig beschissen geht. Das in Texte packen und verarbeiten hilft mir sehr und mich sprechen auch immer wieder Leute auf bestimmte Textzeilen an, die ihnen aus der Seele sprechen, das ist natürlich besonders schön. Geteiltes Leid ist halbes Leid oder so.

kR: Mir wurde mal gesagt, einer meiner Beats würde mit Premo mithalten. Insofern herzlich willkommen im Club der Größenwahnsinnigen! Dir gebührt das Schlusswort.

Ket: (lacht) Nicht schlecht, in Marseille nannte man mich die Diam’s Deutschlands und ich war vollkommen sprachlos… Verrückt! Also vielen Dank erstmal für das Interesse und die Möglichkeit, hier zu Wort zu kommen. Falls jemand Interesse hat: Das Album gibt’s immer noch bei hhv + über spitainment.de. Ich freu mich über jeden Einzelnen, der es diggt! Überquert die Straße, Freunde! C’est comme ca qu’on fait! Merci + spitainment. PENG

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